Opa
und ich sitzen nebeneinander auf der Couch und starren auf den
Bildschirm. Der Wind scheppert aus den Lautsprechern des Fernsehers
und das Bild schwankt und wackelt hin und her. Mal sieht man den
Horizont, dann wieder nur dunkelgraues Wasser und Wellen, die hin und
her wippen.
„Jetzt
pass auf“, sagt Opa und dann taucht aus dem Wasser ein großer
grauer Berg mit kleinen Höckern auf. Bestimmt ein Pottwal.
„Jetzt
aber, jetzt aber“, sagt Oma im Hintergrund, das letzte 'aber' kann
man kaum hören, weil ein Windstoß gegen die Kamera peitscht, dann
verschwindet der Walrücken aus dem Bild und ist kurz darauf wieder
zu sehen. Wasser klatscht gegen ihn und schwappt wieder weg, umspült
ihn, dann stößt er eine kleine Fontäne aus und Wassertropfen
besprenkeln das Bild.
„Opa,
wie kacken Wale eigentlich?“
Der
Rücken taucht ab. Kurz darauf erscheint die Fluke an der
Wasseroberfläche, reckt sich ruhig und elegant empor - die Menschen
im Hintergrund jubeln auf, „yes“ ruft eine Kinderstimme -, dann
verschwindet die Flosse wieder unter Wasser.
„Na
so wie wir, nur viel größer“, sagt Opa, „und das sinkt dann
langsam zum Meeresgrund.“
+
Herr
Gehrding will Whale Watching machen, in Vancouver. Er arbeitet in der
Bank gegenüber, hat dunkelblonde gegelte Haare, trägt einen Anzug
und hat und ein kleines Muttermal über der Lippe, das auf und ab
tanzt, wenn er spricht.
„Da
sind Sie beim Reisebüro Reinbach genau richtig, ich kenne mich aus
damit“, sage ich. In Vancouver sind vor allem Orcas eine
Attraktion, aber es gibt auch Buckel-, Grau- und Schweinswale. Das
günstigste Angebot kostet 143,68€ pro Person.
„Schippern
Sie 5,5 Stunden an Bord der Ocean Magic von Victoria nach Vancouver
und halten Sie auf dem Weg die Augen nach Schwertwalen und drei
anderen Arten offen, die das Gebiet um die Gulf Islands bewohnen.
Erreichen Sie Vancouver genau zum Sonnenuntergang“,
lese ich Herrn Gehrding vor. Er sitzt vor mir, hat sich einen
Bleistift vom Schreibtisch genommen und rollt ihn mit seinen
Handflächen auf der Tischplatte herum.
„Inklusive
sind zwei Naturforscher an Bord und gegebenenfalls Regenjacken. Es
gibt zwei Waschräume und eine Teeküche mit warmen Getränken und
Snacks.“
„Das
will ich“, sagt Herr Gehrding und steckt den Stift wieder in den
Becher. Er hat einen kleinen roten Schnitt am Kinn, bestimmt vom
Rasieren, die Barthaare sind so dunkel, dass man sie schon unter der
Haut sehen kann.
Er
will Anfang März verreisen, „Das ist keine gute Idee, Herr
Gehrding“, sage ich, „die Hauptsaison für Orcas liegt zwischen
Juni und September“.
Herr
Gehrding hat sich schon im März Urlaub genommen. Er nimmt wieder den
Bleistift, steckt ihn aber gleich wieder zurück, „Was mache ich
denn da?“, fragt er und reibt sich die Handflächen auf seiner
Anzughose. Er möchte noch einmal eine Nacht darüber schlafen, sagt
er. Als er das Reisebüro verlässt, knistert der Teppichboden unter
seinen Schuhen. Herr Gehrding hat einen sehr schönen und aufrechten
Gang.
+
Wenn
man Walarten erkennen lernen möchte, ist es sinnvoll, sie zu
zeichnen. Das hat wal-erwin67
im Forum geschrieben, er ist Künstler und verkauft seine Walgemälde
über einen Onlineshop. Ich habe wal-erwin67
über das Forum kennengelernt, er hat mir geschrieben, beim Zeichnen
lerne man jede Linie und Kurve und Biegung eines Motivs kennen und
deshalb sei zeichnen so effektiv. Letztes Jahr habe ich mir ein Bild
von ihm gekauft, es heißt Buckelwalkuh mit Kalb im
unbekannten Universum Ozean, und
dann habe ich auch begonnen Wale zu zeichnen. Ich arbeite mich durch
mein Walbuch, von vorne nach hinten. Erst Bartenwale, Glattwale und
Furchenwale, dann Zahnwale. Gerade bin ich beim Finnwal. Finnwale
sehen Blauwalen sehr ähnlich, nur kleiner, beide sind in der Lage,
Hybride zu bilden. Ich zeichne den Mund, kurz vor dem Auge macht er
einen Bogen nach unten. Dann Kinn und Bauch. Man könnte meinen, Wale
seien walzenförmig, Kinn, Bauch, Flosse, das sei mit einem Bogen
getan, aber das stimmt nicht. Manchmal gibt es kleine Dellen und
winzige Kurven, die man erst bemerkt, wenn man ganz genau hinsieht.
Dann die Flipper. Wal-erwin67
hat mir erzählt, dass sie früher für die Ohrmuscheln gehalten
wurden, er hat mir alte Kunstdrucke geschickt, Flugblätter aus dem
16. Jahrhundert, bei denen die Flipper viel zu nah am Kopf sitzen,
aber ich achte darauf, dass mir das nicht passiert.
Später
scanne ich meinen Finnwal ein und schicke ihn wal-erwin67.
„Hier mein neustes Werk“, schreibe ich, „würde mich freuen,
deine Meinung dazu zu hören“.
+
Am
nächsten Tag kommt Herr Gehrding wieder. Er trabt über den
Teppichboden auf meinen Schreibtischstuhl zu, hält mir die Hand
entgegen und sagt, „Guten Tag, Frau Sahlmann, ich habe die Lösung
gefunden“. Die Barthaare unter seiner Haut sind etwas dunkler
geworden, Herr Gehrding setzt sich und strahlt.
„Die
Saison für Buckelwale ist auf Hawaii zwischen November und Mitte
April “, sagt er. Ich lächle, was Herr Gehrding sagt stimmt, er
hat gut recherchiert. Ich drehe den Monitor in seine Richtung und
zeige ihm unterschiedliche Angebote, Herr Gehrding lacht und fuchtelt
mit dem Bleistift durch die Luft, „das“ will er und „das“. Am
Ende buche ich ihm eine Whale Watching Tour kombiniert mit einer
Schnorcheltour durch ein Korallenriff und einem Barbecue-Frühstück
für nur 37,95€. Herr Gehrding klatscht vor Freude in die Hände,
ein Schnäppchen.
„Wenn
Sie Aufnahmen machen, ich würde mich dafür interessieren.“
„Das
ist eine ausgezeichnete Idee“, sagt Herr Gehrding und pikst mit der
Bleistiftspitze in die Luft. Dann steht er auf, steckt den Stift
zurück und schaut auf seine Schuhspitzen, „Frau Sahlmann“, sagt
er, „ich möchte Sie fragen, nun also, so als Dankeschön versteht
sich, ob Sie sich denn nach Feierabend nicht auf ein Eis einladen
lassen möchten.“
Ich
schaue auf meine eigenen Schuhspitzen und dann auf meine Fingernägel,
„Sehr gerne, Herr Gehrding“, Herr Gehrding verabschiedet sich und
dann höre ich wieder das Knistern auf dem Teppichboden.
„Wussten
Sie, dass die Buckelwale nach Hawaii reisen, um dort zu kalben?“
Herr
Gehrding hat mich nach Feierabend abgeholt, er fährt immer Fahrrad,
deshalb sind wir zu Fuß zur Eisdiele gelaufen. Jetzt löffelt er in
seinem Eisbecher, manchmal taucht sein Muttermal im Erdbeereis unter
und dann leckt Herr Gehrding mit der Zunge darüber.
„Wenn
Sie Glück haben, können Sie auch ein Kalb sehen“, sage ich. Herr
Gehrding grinst und nickt, eine gegelte Haarsträhne rutscht aus
seiner Frisur und hängt ihm in die Stirn, aber er bemerkt es nicht.
Opa
und Oma waren damals in Norwegen, Opa hat erzählt, dass am Anfang
jeder eine Tablette gegen Seeübelkeit bekam, die war im Preis mit
inbegriffen. Oma hat sie in ihrer Jackentasche verloren und kurz vor
Ende der Fahrt habe sie in ihre offenen Hände erbrochen und das
Ergebnis ins Meer gekippt. Auf Hawaii gibt es keine gratis Tabletten,
ich mache mir Sorgen um Herr Gehrding, ich sehe ihn schon über die
Reling gebeugt dastehen, vielleicht verliert er das Gleichgewicht und
fällt ins Meer, zum Glück fressen Buckelwale keine Menschen.
„Ich
muss es noch einmal wiederholen, Frau Sahlmann, vielen Dank für Ihre
Hilfe, ich habe heute wirklich ein Schnäppchen gemacht.“ Herr
Gehrding hat vergessen, dass ich dafür bezahlt werde, oder aber er
ist ein sehr höflicher Mensch, er hat mir ein Bananensplit
spendiert. Ein Stückchen Banane klebt mir am Gaumen und ich weiß
nicht, was ich machen soll, mit der Zunge daran herumspielen und
blöde Grimassen dabei schneiden oder aufs Klo gehen. Herr Gehrding
sieht mich an und ich glaube, er bemerkt gar nichts davon, er lächelt
nur, sieht mir in die Augen und ignoriert alles darunter. Mein Blick
scannt sein Gesicht ab, die Augenbrauenhärchen, die Wangen, die
Lippen, ich glaube das Muttermal ist in Herzchenform. Dann legt Herr
Gehrding plötzlich seine Hand auf meine und ich schaue schnell auf
meine Schuhspitzen unterm Tisch.
„Ich
würde Sie sehr gerne wieder sehen, Frau Sahlmann“, sagt Herr
Gehrding, „Sie kennen sich so gut mit Walen aus.“
+
Wal-erwin67
hat geschrieben, dass die Fluke nicht stimmt, das sei eher die Fluke
eines Grauwals und außerdem seien die Flipper zu nah am Kopf. Ich
hätte stark nachgelassen, was denn mit mir los sei. Und dann hat er
mich darauf hingewiesen, dass drei neue Gemälde in seinem Onlineshop
zum Verkauf stehen.
Ich
zeichne den Finnwal ein zweites Mal. Das Auge direkt über den
Mundwinkeln, die Furchen vom Kinn bis zum Bauch. Die Fluke kommt mir
plötzlich auch im Buch viel zu groß vor, vielleicht liegt der
Fehler an der Vorlage. Ich versuche sie kleiner zu zeichnen, aber am
Ende ist die Schwanzflosse doch wieder genauso groß.
Heute
Abend um 22.15 Uhr läuft eine Dokumentation über Bartenwale auf
arte, wal-erwin67 hat darüber im Forum informiert. Wenn
wal-erwin67 auf Filme aufmerksam macht, sitze ich auf meiner
Couch, versinke im Blau auf dem Bildschirm und stelle mir vor, wie
wal-erwin67 irgendwo sitzt und genau dasselbe Blau sieht. Noch
43 Minuten.
Mein
Handy vibriert, eine SMS. Von Herrn Gehrding. Herr Gehrding schreibt,
dass er das Eis essen schön fand und fragt, ob wir nicht übermorgen
schwimmen gehen wollen, im Hallenbad.
Wie
groß ist eigentlich so ein Walpenis?
Ich
gehe zum PC und tippe das bei Google ein, „Walpenis“, da kommt
ein Bild von einem Orca, der auf dem Rücken in einem Becken schwimmt
und daneben steht ein Mann am Beckenrand, der dessen fleischig
rosafarbenen Penis in der Hand hält. Der ist dicker als sein Arm,
länger als sein Bein und hängt in der Mitte etwas durch. Ich starre
auf das Bild und denke an Badehosen und Tabletten gegen Seeübelkeit
und an wal-erwin67 auf seiner Couch, ich nehme mein Handy und
antworte Herrn Gehrding „nein, danke und viel Spaß auf Ihrer
Reise“.