Freitag, 3. Mai 2013

Martina

 Das Schreibseminar trägt dieses Semester den Titel "Sie, er oder ich? Literarische Portraits, oder wie erzähle ich meine Oma?". Heute abend wird es zum ersten Mal stattfinden und wir sollen schon heute einen ersten Versuch ohne Anweisung mitbringen. 

Ich finde das ein bisschen schwierig. Bei Kurzgeschichten charakterisiert man ja mehr oder weniger automatisch mit, aber eine reine Figurencharakterisierung? Da finde ich es schwierig, nicht ins rein Deskriptive abzurutschen. 

"Martina" ist also dieser erste Versuch ohne Anweisung:


Nach dem Abi hat Martina eine Lehre zur Metzgerin gemacht.
Martina mag Wurst und sieht auch ein bisschen aus wie eine. In der Schule saß sie immer in der Mitte des Klassenzimmers, im Deutschunterricht ganz vorn. Sie mag Goethe und Schiller und Kleist und Kafka und am allerliebsten Dürrenmatt. Aus Jungs hat sie sich nie besonders viel gemacht und die Jungs auch nicht aus ihr. Die haben irgendwann gemerkt, die Martina stört das nicht, wenn man sie Presswurst nennt, und wenn Martina im Deutschunterricht was gesagt hat, hat keiner von ihnen etwas verstanden und das hat sie beeindruckt. Aber nur ein bisschen. So viel, dass sie das gelassen haben mit der Presswurst, weil sie dachten, die Martina müsse man auf einem ganz anderen Niveau beleidigen und da fiel ihnen nichts mehr ein.
Martina war ohnehin lieber alleine mit sich und ihrer Wurst. Während im Sommer alle beim Parkplatz am Rauchertrog standen, saß sie auf einem Stein am Pausenhof, hat geschwitzt, gevespert und Reclamhefte gelesen. Die verschwanden immer in ihren kräftigen, großen Händen.
Die Lehrer und Verwandten haben alle gesagt „Mensch, Martina, studier doch Germanistik!“, und das waren noch die Netten. Manchmal fielen auch Worte wie Wirtschaft oder Maschinenbau. Aber bei dem Wort Ausbildung haben sie alle die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen, „Mensch, Martina“, haben sie gesagt, „du hast doch Abitur!“. Nur der Metzgermeister Knepper, der hat gesagt: „So ists recht, Martina“. Dann hat Martina ihr dickes braunes Haar zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden und Schweinehälften zerteilt. „Lesen kann ich auch privat“, hat sie gesagt.

Samstag, 20. April 2013

Donnerstag, 14. März 2013

Ich bin selbst auch eine Frau Sahlmann.

Sticker von Edeka und ein kleiner Orca von Bullyland.

Samstag, 9. März 2013

Finnwal

Opa und ich sitzen nebeneinander auf der Couch und starren auf den Bildschirm. Der Wind scheppert aus den Lautsprechern des Fernsehers und das Bild schwankt und wackelt hin und her. Mal sieht man den Horizont, dann wieder nur dunkelgraues Wasser und Wellen, die hin und her wippen.
Jetzt pass auf“, sagt Opa und dann taucht aus dem Wasser ein großer grauer Berg mit kleinen Höckern auf. Bestimmt ein Pottwal.
Jetzt aber, jetzt aber“, sagt Oma im Hintergrund, das letzte 'aber' kann man kaum hören, weil ein Windstoß gegen die Kamera peitscht, dann verschwindet der Walrücken aus dem Bild und ist kurz darauf wieder zu sehen. Wasser klatscht gegen ihn und schwappt wieder weg, umspült ihn, dann stößt er eine kleine Fontäne aus und Wassertropfen besprenkeln das Bild.
Opa, wie kacken Wale eigentlich?“
Der Rücken taucht ab. Kurz darauf erscheint die Fluke an der Wasseroberfläche, reckt sich ruhig und elegant empor - die Menschen im Hintergrund jubeln auf, „yes“ ruft eine Kinderstimme -, dann verschwindet die Flosse wieder unter Wasser.
Na so wie wir, nur viel größer“, sagt Opa, „und das sinkt dann langsam zum Meeresgrund.“

+

Herr Gehrding will Whale Watching machen, in Vancouver. Er arbeitet in der Bank gegenüber, hat dunkelblonde gegelte Haare, trägt einen Anzug und hat und ein kleines Muttermal über der Lippe, das auf und ab tanzt, wenn er spricht.
„Da sind Sie beim Reisebüro Reinbach genau richtig, ich kenne mich aus damit“, sage ich. In Vancouver sind vor allem Orcas eine Attraktion, aber es gibt auch Buckel-, Grau- und Schweinswale. Das günstigste Angebot kostet 143,68€ pro Person.
„Schippern Sie 5,5 Stunden an Bord der Ocean Magic von Victoria nach Vancouver und halten Sie auf dem Weg die Augen nach Schwertwalen und drei anderen Arten offen, die das Gebiet um die Gulf Islands bewohnen. Erreichen Sie Vancouver genau zum Sonnenuntergang“, lese ich Herrn Gehrding vor. Er sitzt vor mir, hat sich einen Bleistift vom Schreibtisch genommen und rollt ihn mit seinen Handflächen auf der Tischplatte herum.
„Inklusive sind zwei Naturforscher an Bord und gegebenenfalls Regenjacken. Es gibt zwei Waschräume und eine Teeküche mit warmen Getränken und Snacks.“
„Das will ich“, sagt Herr Gehrding und steckt den Stift wieder in den Becher. Er hat einen kleinen roten Schnitt am Kinn, bestimmt vom Rasieren, die Barthaare sind so dunkel, dass man sie schon unter der Haut sehen kann.
Er will Anfang März verreisen, „Das ist keine gute Idee, Herr Gehrding“, sage ich, „die Hauptsaison für Orcas liegt zwischen Juni und September“.
Herr Gehrding hat sich schon im März Urlaub genommen. Er nimmt wieder den Bleistift, steckt ihn aber gleich wieder zurück, „Was mache ich denn da?“, fragt er und reibt sich die Handflächen auf seiner Anzughose. Er möchte noch einmal eine Nacht darüber schlafen, sagt er. Als er das Reisebüro verlässt, knistert der Teppichboden unter seinen Schuhen. Herr Gehrding hat einen sehr schönen und aufrechten Gang.

+

Wenn man Walarten erkennen lernen möchte, ist es sinnvoll, sie zu zeichnen. Das hat wal-erwin67 im Forum geschrieben, er ist Künstler und verkauft seine Walgemälde über einen Onlineshop. Ich habe wal-erwin67 über das Forum kennengelernt, er hat mir geschrieben, beim Zeichnen lerne man jede Linie und Kurve und Biegung eines Motivs kennen und deshalb sei zeichnen so effektiv. Letztes Jahr habe ich mir ein Bild von ihm gekauft, es heißt Buckelwalkuh mit Kalb im unbekannten Universum Ozean, und dann habe ich auch begonnen Wale zu zeichnen. Ich arbeite mich durch mein Walbuch, von vorne nach hinten. Erst Bartenwale, Glattwale und Furchenwale, dann Zahnwale. Gerade bin ich beim Finnwal. Finnwale sehen Blauwalen sehr ähnlich, nur kleiner, beide sind in der Lage, Hybride zu bilden. Ich zeichne den Mund, kurz vor dem Auge macht er einen Bogen nach unten. Dann Kinn und Bauch. Man könnte meinen, Wale seien walzenförmig, Kinn, Bauch, Flosse, das sei mit einem Bogen getan, aber das stimmt nicht. Manchmal gibt es kleine Dellen und winzige Kurven, die man erst bemerkt, wenn man ganz genau hinsieht. Dann die Flipper. Wal-erwin67 hat mir erzählt, dass sie früher für die Ohrmuscheln gehalten wurden, er hat mir alte Kunstdrucke geschickt, Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, bei denen die Flipper viel zu nah am Kopf sitzen, aber ich achte darauf, dass mir das nicht passiert.
Später scanne ich meinen Finnwal ein und schicke ihn wal-erwin67. „Hier mein neustes Werk“, schreibe ich, „würde mich freuen, deine Meinung dazu zu hören“.

+

Am nächsten Tag kommt Herr Gehrding wieder. Er trabt über den Teppichboden auf meinen Schreibtischstuhl zu, hält mir die Hand entgegen und sagt, „Guten Tag, Frau Sahlmann, ich habe die Lösung gefunden“. Die Barthaare unter seiner Haut sind etwas dunkler geworden, Herr Gehrding setzt sich und strahlt.
„Die Saison für Buckelwale ist auf Hawaii zwischen November und Mitte April “, sagt er. Ich lächle, was Herr Gehrding sagt stimmt, er hat gut recherchiert. Ich drehe den Monitor in seine Richtung und zeige ihm unterschiedliche Angebote, Herr Gehrding lacht und fuchtelt mit dem Bleistift durch die Luft, „das“ will er und „das“. Am Ende buche ich ihm eine Whale Watching Tour kombiniert mit einer Schnorcheltour durch ein Korallenriff und einem Barbecue-Frühstück für nur 37,95€. Herr Gehrding klatscht vor Freude in die Hände, ein Schnäppchen.
„Wenn Sie Aufnahmen machen, ich würde mich dafür interessieren.“
„Das ist eine ausgezeichnete Idee“, sagt Herr Gehrding und pikst mit der Bleistiftspitze in die Luft. Dann steht er auf, steckt den Stift zurück und schaut auf seine Schuhspitzen, „Frau Sahlmann“, sagt er, „ich möchte Sie fragen, nun also, so als Dankeschön versteht sich, ob Sie sich denn nach Feierabend nicht auf ein Eis einladen lassen möchten.“
Ich schaue auf meine eigenen Schuhspitzen und dann auf meine Fingernägel, „Sehr gerne, Herr Gehrding“, Herr Gehrding verabschiedet sich und dann höre ich wieder das Knistern auf dem Teppichboden.

„Wussten Sie, dass die Buckelwale nach Hawaii reisen, um dort zu kalben?“
Herr Gehrding hat mich nach Feierabend abgeholt, er fährt immer Fahrrad, deshalb sind wir zu Fuß zur Eisdiele gelaufen. Jetzt löffelt er in seinem Eisbecher, manchmal taucht sein Muttermal im Erdbeereis unter und dann leckt Herr Gehrding mit der Zunge darüber.
„Wenn Sie Glück haben, können Sie auch ein Kalb sehen“, sage ich. Herr Gehrding grinst und nickt, eine gegelte Haarsträhne rutscht aus seiner Frisur und hängt ihm in die Stirn, aber er bemerkt es nicht.
Opa und Oma waren damals in Norwegen, Opa hat erzählt, dass am Anfang jeder eine Tablette gegen Seeübelkeit bekam, die war im Preis mit inbegriffen. Oma hat sie in ihrer Jackentasche verloren und kurz vor Ende der Fahrt habe sie in ihre offenen Hände erbrochen und das Ergebnis ins Meer gekippt. Auf Hawaii gibt es keine gratis Tabletten, ich mache mir Sorgen um Herr Gehrding, ich sehe ihn schon über die Reling gebeugt dastehen, vielleicht verliert er das Gleichgewicht und fällt ins Meer, zum Glück fressen Buckelwale keine Menschen.
„Ich muss es noch einmal wiederholen, Frau Sahlmann, vielen Dank für Ihre Hilfe, ich habe heute wirklich ein Schnäppchen gemacht.“ Herr Gehrding hat vergessen, dass ich dafür bezahlt werde, oder aber er ist ein sehr höflicher Mensch, er hat mir ein Bananensplit spendiert. Ein Stückchen Banane klebt mir am Gaumen und ich weiß nicht, was ich machen soll, mit der Zunge daran herumspielen und blöde Grimassen dabei schneiden oder aufs Klo gehen. Herr Gehrding sieht mich an und ich glaube, er bemerkt gar nichts davon, er lächelt nur, sieht mir in die Augen und ignoriert alles darunter. Mein Blick scannt sein Gesicht ab, die Augenbrauenhärchen, die Wangen, die Lippen, ich glaube das Muttermal ist in Herzchenform. Dann legt Herr Gehrding plötzlich seine Hand auf meine und ich schaue schnell auf meine Schuhspitzen unterm Tisch.
„Ich würde Sie sehr gerne wieder sehen, Frau Sahlmann“, sagt Herr Gehrding, „Sie kennen sich so gut mit Walen aus.“

+

Wal-erwin67 hat geschrieben, dass die Fluke nicht stimmt, das sei eher die Fluke eines Grauwals und außerdem seien die Flipper zu nah am Kopf. Ich hätte stark nachgelassen, was denn mit mir los sei. Und dann hat er mich darauf hingewiesen, dass drei neue Gemälde in seinem Onlineshop zum Verkauf stehen.
Ich zeichne den Finnwal ein zweites Mal. Das Auge direkt über den Mundwinkeln, die Furchen vom Kinn bis zum Bauch. Die Fluke kommt mir plötzlich auch im Buch viel zu groß vor, vielleicht liegt der Fehler an der Vorlage. Ich versuche sie kleiner zu zeichnen, aber am Ende ist die Schwanzflosse doch wieder genauso groß.
Heute Abend um 22.15 Uhr läuft eine Dokumentation über Bartenwale auf arte, wal-erwin67 hat darüber im Forum informiert. Wenn wal-erwin67 auf Filme aufmerksam macht, sitze ich auf meiner Couch, versinke im Blau auf dem Bildschirm und stelle mir vor, wie wal-erwin67 irgendwo sitzt und genau dasselbe Blau sieht. Noch 43 Minuten.
Mein Handy vibriert, eine SMS. Von Herrn Gehrding. Herr Gehrding schreibt, dass er das Eis essen schön fand und fragt, ob wir nicht übermorgen schwimmen gehen wollen, im Hallenbad.
Wie groß ist eigentlich so ein Walpenis?
Ich gehe zum PC und tippe das bei Google ein, „Walpenis“, da kommt ein Bild von einem Orca, der auf dem Rücken in einem Becken schwimmt und daneben steht ein Mann am Beckenrand, der dessen fleischig rosafarbenen Penis in der Hand hält. Der ist dicker als sein Arm, länger als sein Bein und hängt in der Mitte etwas durch. Ich starre auf das Bild und denke an Badehosen und Tabletten gegen Seeübelkeit und an wal-erwin67 auf seiner Couch, ich nehme mein Handy und antworte Herrn Gehrding „nein, danke und viel Spaß auf Ihrer Reise“.

Sonntag, 3. März 2013

Beluga & Pottwal

oben: Beluga
unten: Pottwal

Montag, 25. Februar 2013

Grauwal & Buckelwal

oben: Grauwal
unten: Buckelwal

Donnerstag, 21. Februar 2013

Grönlandwal & Nordkapper





Ich hab mal wieder gezeichnet, hey! Aber evtl. ist das auch so eine Einfühlung, ich will vielleicht eine Geschichte über Wale schreiben. Oder vielleicht auch zwei. Ich hab Bücher ausgeliehen usw., auch eines mit alten zoologischen Drucken (siehe hier), ich will ja keine Versprechungen machen, aber Stoff bietet das. Hab aber noch nicht angefangen, nichtmal mit dem Konzept.

oben: Gönlandwald
unten: Nordkapper
meiner Meinung nach zwei recht witzige Erscheinungen in der Walwelt